Interview Trinkbecher für Trinkwasser
 

„Schön, dass ihr wenigstens da wart – ihr habt meinen Tag gerettet.“ Anja Kutzke von "Trinkbecher für Trinkwasser" im Interview

GNF: „Nicht nur an guten Tagen, wenn die Sonne scheint“, heißt es in der 96-Vereinshymne „Alte Liebe“. Ein treffendes Motto auch für dich und die anderen Freiwilligen, die seit Jahren jede Gelegenheit wahrnehmen, im Stadion Becherpfand zu sammeln. Was motiviert euch?

 

Anja Kutzke: Die anderen und mich motiviert zum einen, dass wir im Team arbeiten. Unser Kreis von Helfenden ist auch ein erweiterter Freundeskreis. Und die meisten sind schon wirklich lange dabei. Man trifft nette Leute, sowohl die Ehrenamtlichen, die sammeln, als auch die Leute, die Becher spenden. Wir führen schöne Gespräche und tun damit auch noch etwas Gutes. Ich glaube, fußballerisch ist Hannover 96 nicht so stark, dass man im Stadion jedes Mal auf seine Kosten kommt – selbst als Fan. Da macht es unheimlichen Spaß, mit unserer Aktion einen Mehrwert jenseits des Sportlichen zu schaffen. Und gerade nach dem Lockdown war die Stimmung toll. Die Leute kamen zu uns und haben erzählt, wie sehr ihnen das Stadion gefehlt hat, das Miteinander mit den Fans, aber auch mit den Helferinnen und Helfern.

 Anja Kutzke, Leiterin von Trinkbecher für Trinkwasser, posiert mit gespendeten Bechern.

Anja Kutzke präsentiert im hannöverschen Stadion 1,60 Meter Trinkbecher für Trinkwasser.

Kannst du uns etwas darüber erzählen, wie die Aktion Trinkbecher für Trinkwasser im Stadion abläuft?

Unser gutes Dutzend Helfer*innen fängt zweieinhalb Stunden vor Anpfiff mit dem Aufbau an. Wenn eine Stunde später die ersten Leute kommen, stehen wir dann mit unseren Ständen schon da, zeigen Präsenz und informieren vorm Spiel. Da geht es uns vor allem darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. In der Halbzeit und insbesondere nach dem Spiel kommen die Besucher*innen und geben ihr Becherpfand ab. Das geht sowohl an den Ständen als auch unterwegs zwischen den Blöcken: Da sind wir ebenfalls für die Fans sichtbar, damit sie nicht unbedingt zum Stand kommen müssen, um ihre Becher loszuwerden. Angefangen haben wir mit drei Ständen: Zwei im Norden, wo in der Nordkurve der „harte Kern“ der 96-Fans steht, und einer an der Westtribüne. Mittlerweile haben wir auch einen Oststand und einen Südstand. Die Spendenbereitschaft ist überall groß. Im Norden kennen wir sicher am meisten Leute, weil viele unserer Freunde auch als Fans im Stadion sind. Die kommen dann natürlich besonders gerne und spenden für Trinkbecher für Trinkwasser. Aber auch an den anderen Ständen läuft es gut – und überhaupt ist ja unser Motto: „Jeder Becher hilft“. Wir freuen uns über jeden einzelnen Becher, weil er zeigt, dass Menschen sich Gedanken machen und etwas Gutes bewirken wollen. Und weil damit in den Projekten vor Ort tatsächlich konkret etwas passiert.

Erste Liga, Zweite, packendes Derby oder Nullnummer bei Minusgraden – gibt es einen Zusammenhang zwischen Paarung, Spielverlauf und Ergebnis auf der einen, Anzahl der Becherspenden auf der anderen Seite?

 

Nach dem Abstieg von Hannover 96 in die 2. Bundesliga 2016 hätten wir gedacht, dass wir weniger Becherspenden erhalten. Lustigerweise war es genau umgekehrt: In der folgenden Zeitligasaison haben wir mehrere Spendenrekorde gebrochen! Aber klar: Wenn es regnet, kalt ist, 96

 Das Dorf Dantomba an der Elfenbeinküste ist einer der Orte, dessen Bewohner*innen von Trinkbecher für Trinkwasser profitieren.

Das Dorf Dantomba an der Elfenbeinküste ist einer der Orte, dessen Bewohner*innen von Trinkbecher für Trinkwasser profitieren.

schlecht spielt, dann werden weniger Becher abgegeben. Die Leute trinken weniger, weil sie frieren, haben keinen Bock mehr und gehen nach Hause. Wenn wir gewinnen, spürt man umgekehrt einen Schub: Dann sind die Leute euphorisch und spenden gerne. Im Moment sind allerdings oft nur wenige Zuschauer*innen da. Am vergangenen Wochenende beim 1:1 gegen Erzgebirge Aue hatten wir nur 9.000 Leute im Stadion. Wenn dann 1.100 Becher kommen, sind das vergleichsweise wenig. Umgekehrt bedeutet es aber, dass uns im Durchschnitt mehr als jede*r Zehnte unterstützt hat – und das ist doch eine tolle Quote. Wenn 96 ganz schlecht gespielt hat, einen richtigen Grottentag hatte, dann hören wir an den Ständen übrigens auch manchmal: „Schön, dass ihr wenigstens da wart – ihr habt meinen Tag gerettet.“ Das ist wunderbar, mit unserer Aktion so ein Anker für die Leute zu sein. Unabhängig davon, ob etwas Tolles auf dem Rasen passiert oder nicht.

Wie lässt sich Trinkbecher für Trinkwasser einordnen: Ist eure Aktion etwas Einmaliges oder gibt es in anderen Stadien, bei anderen Vereinen vergleichbare Initiativen?

Der FC St. Pauli unterstützt schon ziemlich lange die Aktion „Viva con Agua“ für sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung. Einige andere vergleichbare Aktionen mag es auch noch geben, aber insgesamt sehe ich uns schon in einer Vorreiterrolle, gerade was die Nutzung des Pfandsystems für den guten Zweck betrifft. Vor einigen Jahren gab es bei Hannover 96 so einen kleinen Rückfall, als für eine Saison nach dem bereits etablierten Mehrwegbechersystem wieder Einwegbecher eingeführt wurden. Da sind wir hartnäckig drangeblieben und konnten erreichen, dass die Umstellung zur Folgesaison wieder zurückgenommen wurde. Und haben jetzt den SV Darmstadt 98 dabei unterstützt, Mehrwegbecher im Stadion durchzusetzen, deren Pfand ebenfalls für den guten Zweck gespendet werden kann. Nicht unbedingt für sauberes Trinkwasser, aber für andere sinnvolle Projekte. Auch Delegationen anderer Vereine hatten wir schon als Gäste bei unserer Aktion dabei, zuletzt gerade aus München: Denen zeigen wir dann, wie wir uns organisieren und wie unsere Arbeit im Stadion konkret aussieht. Es gibt aber natürlich auch in Hannover und unterstützt von Hannover 96 noch andere Projekte, an denen wir nicht direkt beteiligt sind, die aber ebenfalls sehr wichtig sind: z.B. in der Flüchtlingshilfe oder zur Unterstützung von Obdachlosen.

Ihr seid ja nicht nur im Stadion aktiv, sondern unterstützt unsere Trinkwasserprojekte auch mit weiteren Aktionen. Was macht ihr noch?

Wir nehmen an Spendenläufen teil, z.B. hier in Hannover am Maschsee. Wir starten bei Marathons und diversen Auswärtsläufen, sei es um Spenden zu sammeln, aber auch, um einfach darauf aufmerksam zu machen, dass es die Aktion Trinkbecher für Trinkwasser gibt. Ganz viele Leute sprechen uns an, gerade, wenn wir auswärts für Trinkwasser laufen: Wir waren in Dublin, in Budapest, in Amsterdam, und die Menschen interessiert da immer: Wer seid ihr und was macht ihr? Da ergeben sich wunderbare Gespräche, die Aufmerksamkeit für unser Anliegen bedeuten.

 Laufen für den guten Zweck: Neben Becherspenden im Stadion nutzt das Team von Trinkbecher für Trinkwasser noch weitere Wege, um Gutes zu tun.

Laufen für den guten Zweck: Neben Becherspenden im Stadion nutzt das Team von Trinkbecher für Trinkwasser noch weitere Wege, um Gutes zu tun.

Während des Lockdowns haben wir „geploggt“, also gemeinsam mit vielen Helfer*innen in der Natur Müll gesammelt. Dabei ist auch die mediale Begleitung sehr wichtig: Alles, was wir tun, vermitteln wir auf Instagram und Co. unseren Follower*innen. Umgekehrt hat die Neue Presse, eine der beiden großen Tageszeitungen in Hannover, einen ausführlichen Artikel gebracht, als wir letztes Jahr während des Lockdowns die Marke von 400.000 Euro Spenden seit Beginn der Aktion geknackt haben. Ganz besonders bedanken möchte ich mich deshalb auch bei Christoph „Hecki“ Heckmann, dem stellvertretenden Medien- und Kommunikationsleiter von Hannover 96, der unsere Publicity enorm vorangebracht hat, z.B. indem er immer wieder Stadioninterviews mit uns gemacht hat. Es gibt dank ihm auch wieder einen Becherzähler, der auf der Homepage von Hannover die eingegangenen Spenden registriert. Der 96-Mittelfeldspieler Edgar Prib hat für „Trinkbecher für Trinkwasser“ Pate gestanden und der Aktion ein prominentes Gesicht gegeben. Leider ist er nicht mehr im Verein, aber er ist uns immer noch verbunden. „Eddy“ hat damals vor zwei Jahren mehrere Mitspieler mit zu unserer Weihnachtsfeier gebracht. Auf jedem Foto, das Fans dort gemacht haben, war unser Logo im Hintergrund zu sehen – ein Traum. Wir hatten noch nie so viel Publicity wie nach diesem Event.

Ihr seid bei emotionalen Abstürzen und Aufschwüngen auf und abseits des Platzes hautnah dabei und selber Fans – haben du und das „Trinkbecher für Trinkwasser“-Team im Laufe der Jahre eine Anekdote erlebt, die du mit uns teilen möchtest?

Wir sind vor einigen Jahren als Delegation des Trinkbecher-Projekts nach Südafrika geflogen, um vor Ort zu erleben, wie die Becherspenden den Menschen zugutekommen. Dort war ein Fußballspiel von uns gegen eine Mannschaft der Projektgemeinden von Gumbi angesetzt. Im Vorfeld gab es aber offenbar einen Übermittlungsfehler: Die Spieler in Gumbi haben trainiert wie besessen, weil sie dachten, es komme die Mannschaft von

 Ein absolutes Highlight: Das Fußballspiel zwischen Helfer*innen von Trinkbecher für Trinkwasser und der Gumbi-Gemeinde 2019 in Südafrika.

Ein absolutes Highlight: Das Fußballspiel zwischen Helfer*innen von Trinkbecher für Trinkwasser und der Gumbi-Gemeinde 2019 in Südafrika.

Hannover 96 aus der 2. Fußball-Bundesliga. Es kamen aber: Wir. Die zum Teil noch nie Fußball gespielt haben. Die waren ein bisschen enttäuscht. Es war ein sehr schöner Tag, das Spiel hat Spaß gemacht, aber unsere Gegner hatten sich das anders vorgestellt – und haben uns im Spiel entsprechend ordentlich eingeschenkt. Abgesehen von diesem Highlight wurden wir übrigens unglaublich herzlich empfangen. Die Menschen dort sind wirklich dankbar, dass Menschen hier sich dafür einsetzen, ihre Lebensqualität zu verbessern.

Für uns als GNF ist es ein Riesengeschenk, dass es diese Verbindung zwischen unseren Projekten und Trinkbecher für Trinkwasser gibt – kannst du etwas dazu sagen, wie sie zustande kam?

Am Anfang stand ein CSR-Projekt, das der Reiseveranstalter TUI im Jahr 2009 umsetzen wollte. Die TUI war damals Hauptsponsor von Hannover 96 und hat sich deshalb an den Verein gewandt und die Idee eingebracht, mit Becherspenden Gutes zu tun. Die TUI hat auch den Kontakt zum Global Nature Fund hergestellt, in dessen Trinkwasserprojekte das gespendete Geld fließen sollte. Eigentlich war die Aktion nur für einen, höchstens für zwei Spieltage gedacht, lief dann aber so gut, dass wir uns dachten, man könnte das mal über eine Saison laufen lassen. Mittlerweile sind wir seit mehr als zwölf Jahren dabei und die Leute unterstützen uns immer noch. Ursprünglich war ein von TUI eingesetzter-Manager mit der Organisation von Trinkbecher für Trinkwasser betraut – nach einigen Jahren ist die TUI ausgestiegen und ich habe die Leitung übernommen. Als Freizeitaufgabe ist das ganz schön viel Arbeit, aber sie macht mir Spaß. Und die Verbindung zum GNF ist top, auch persönlich: Seit euer Stellvertretender Geschäftsführer Stefan Hörmann damals hier aufgetaucht und in den Fandachverband Rote Kurve eingetreten ist, gehört er quasi zur Familie. Er kommt regelmäßig vorbei, verbringt Zeit mit uns und unterstützt unsere Aktionen: Bei der Marathon-Staffel ist er als Läufer gesetzt. Aus Projektpartnern wurden Freunde – dank Trinkbecher für Trinkwasser.