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Erfolgsgeschichten an Bächen und Flüssen

 

16 Jahre Renaturierung der Radolfzeller Aach*)

 
 

1. Einführung

 

Die Erhaltung natürlicher Bäche und Flüsse sowie die Renaturierung begradigter oder kanalisierter Fließgewässer sind Schwerpunkt-Aufgaben privater und behördlicher Naturschützer. Die hier vorgestellte Renaturierung der Radolfzeller Aach*) hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) 1988 initiiert und über 16 Jahre konstruktiv begleitet. Er wurde dabei von folgenden privaten Institutionen unterstützt: Deutsche Umwelthilfe (DUH), Global Nature Fund (GNF) und Bodensee Stiftung (BOSTI). 1999 begann das von Siegfried Schuster vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) angeregte Vorhaben "Untersee life – Lebensraumverbund Westlicher Bodensee". Das Projektgebiet betrifft unter anderem die Naturschutzgebiete "Radolfzeller Aachried" und "Aachmündung".

 

Beide Projekte waren nur möglich aufgrund der Kooperation zwischen Naturschutzverbänden und Behörden auf vielen Ebenen (vergl. Abschnitt 5). Dabei werden folgende Ziele angestrebt: 

  • Der Natur und den Menschen wird durch naturnahe Flüsse, Seen und Auen geholfen.
  • Menschen sollen Natur erleben können.
  • Behörden, Politiker und Naturschützer erfahren, wie man Probleme löst, denn das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden.
  • Alle Beteiligten erschließen finanziell Mittel, um eine Mischfinanzierung zu ermöglichen. 

*) Dieser Fluss wird auch Hegauer Aach genannt.

 
 

2. Grundsätzliches

 

Bäche und Flüsse sind Lebensadern für eine große Zahl von Pflanzen und Tieren. Wie kaum ein anderer Lebensraum wurden Fließgewässer von Menschen für ihre jeweiligen Ansprüche umgestaltet – meistens zu Lasten unserer Mitlebewesen. So schrieb Max Honsell schon im Jahre 1885: "Der Rhein, wie Sie ihn heute sehen werden, könnte als Artefakt bezeichnet werden; der Ingenieur hat ihm seinen Lauf angewiesen, und durch künstlich verteidigte Ufer wird er in seinem Bett festgehalten. In der ganzen 270 Kilometer langen Strecke vom Austritt aus der Schweiz bis unter die Neckarmündung ist der Strom in ein geschlossenes Bett von gestreckter Richtung eingeleitet. ..." Wie verschieden dazu natürliche Flüsse strukturiert sind, beschreibt Wolfgang Engelhardt 1973: "In Jahrtausenden hat der Fluss seinen Lauf den Geländeformen angepasst: Bögen und Schlingen wechseln mit kurzen geraden Strecken. Bald engen Steilhänge das Flussbett ein, bald weitet es sich zwischen Flachufern. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Wassertiefe: hier bilden sich Strudel und tiefe Kolke, dort zerteilt sich das Wasser in seichten Armen zwischen Kiesbänken, hier reißende Strömung, dort langsames Fließen. ... auf einem einzigen Quadratmeter der Sohle eines solchen natürlichen Flusses könnten tausende von Tieren leben. Aber einen Fluss, der so aussieht, gibt es in Mitteleuropa nicht mehr."

 
 

3. Fakten zur Radolfzeller Aach

 

Region:

 

 

Quelle:

 

 

Mittlere Schüttung:

 

 

 

Länge:

 

Mündung:

 

 

 

Einzugsgebiet:

 

Singen und Radolfzell liegen an der Radolfzeller Aach, Landkreis Konstanz, Regierungspräsidium Freiburg, Bundesland Baden-Württemberg

 

in der Stadt Aach, Speisung zu zwei Dritteln aus versickertem Donauwasser, stärkste Karstquelle Deutschlands

 

8 Kubikmeter pro Sekunde. Das Hochwasser (HQ) der Pegelreihe 1923 bis 1988 beträgt 24 Kubikmeter pro Sekunde. Die höchste Quellschüttung (HHQ) beträgt 33 Kubikmeter pro Sekunde.

 

32 Kilometer

 

zwischen Radolfzell und Moos

mittlere Zuflussmenge in den Bodensee: 10 Kubikmeter pro Sekunde

viertgrößter Zufluss in den Bodensee

 

261 Quadratkilometer 

 
 

4. Eingriffe und Schutz

 

Eingriffe in den Fluss: Einzelne Eingriffe (Mühlenkanäle, Begradigungen) schon vor 1495. Systematische Eingriffe seit 1860. Dabei wurden alle Mäander im Mittellauf durchschnitten. Für den Fluss grub man dabei ein neues Bett. Einige Mäander sind noch als Altarme erhalten. Es entstand ein häufig geräumter Kanal, durch den der Fluss um 40 Prozent kürzer und sein Sohlgefälle auf Teilstrecken um bis 70 Prozent steiler wurden. Kraftwerksbetreiber errichteten an 11 Stellen Wehre. An diesen Stellen bestanden vorher in vielen Fällen Mühlenwehre, die häufig bis ins hohe Mittelalter zurück datiert werden können. 1964 griff die Verwaltung noch einmal massiv in den Fluss ein, indem sie an dessen Unterlauf Schlingen durchstießen, die Aach zum Teil ausbauten und damit um vier Kilometer verkürzten. 1991 haben Landschaftsökologen 30 Prozent des Flusslaufs als natürlich eingestuft und 70 Prozent als naturfern bis naturfremd.

 

Weitere Eingriffe: Bis 1980 dauerte die Einleitung kommunaler und industrieeller Abwässer. Ins Wasser gestürzte Bäume wurden im Rahmen der Unterhaltung herausgezogen. Noch heute werden auf größeren Abschnitten Unterwasserpflanzen gemäht.

 

Eingriffe in die Flussaue: Der Auenwald wurde schon im frühen Mittelalter vollständig beseitigt und in Dauergrünland umgewandelt. Dessen Anteil verringerte sich in dem 3.763 Hektar großen Talraum von 1750 bis Ende der 1990er Jahre auf 40 Prozent. Gleichzeitig vergrößerten sich Siedlungen, Gärten und Äcker von 17 auf 40 Prozent. Grundwasser wurde und wird in großem Umfang genutzt. Das geklärte Abwasser läuft seit 1980 in die Großkläranlage Ramsen und von dort geklärt in den Hochrhein, womit der Talaue und dem Fluss viel Wasser verloren geht. Bau von Verkehrswegen und Leitungstrassen.

 

Gründe für die Eingriffe: Gewinnung von intensiver landwirtschaftlich nutzbarem Land und von Siedlungsfläche durch Hochwasserfreilegung, Produktion von Fischen in Fischteichen. Land und Siedlungen wurden weniger häufig überschwemmt. Ausbau der Bewässerung von Wiesen, um mehr Futter zu produzieren. Gewinnung von Strom. Sicherung von Verkehrswegen und Leitungstrassen.

 

Ökologische Folgen der Eingriffe: Verkleinerung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere im Fluss und in der Flussaue. Geringere Selbstreinigungskraft des Flusses. Stark negative Auswirkungen für wandernde Wassertiere, die nicht fliegen können. Abdichtung der Flusssohle in den aufgestauten Abschnitten. Belastung des Wassers mit Futterresten und Medikamenten aus Fischteichen. Verringerung der Erlebniswelt für Anwohner und Gäste.

 

Schutz: In der Talaue, die 3.763 Hektar groß ist, blieben trotz aller Eingriffe 2.700 Hektar als wertvolle Flächen für Pflanzen und Tiere erhalten. Davon sind heute 790 Hektar Naturschutzgebiete und 130 Hektar § 24-Gebiete. Alle Naturschutzgebiete und ein weiteres etwa 30 Hektar großes Gebiet wurden von der Landesregierung als NATURA 2000-Gebiete an die Europäische Union gemeldet.

 
 
 
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