Bedrohter See des Jahres 2004: Chapala-See in Mexiko

 

Seit Jahren verliert der Chapala-See in Mexiko sein Lebenselixier: das Wasser. Er war früher doppelt so groß wie der Bodensee. Heute sind drei Viertel seines Wasservolumens verschwunden. Von Dörfern aus, die früher direkt am Ufer lagen, ist der See heute kaum noch zu sehen. Verantwortungsloser Umgang mit dem Wasser, Korruption und kurzsichtige Profitorientierung haben den Trinkwasserspeicher für 6 Millionen Menschen schon fast zerstört. Ein riesiges Staudamm-Projekt soll nun das Wasser für die Menschen bereitstellen, die heute noch aus dem Chapala-See versorgt werden. Das ist wirtschaftlich unsinnig, unsozial und eine ökologische Katastrophe. Die 3.000 einheimischen Fischer sitzen immer öfter auf dem „Trockenen". Fischarten wie der „Popoche", die früher tonnenweise aus dem See gefischt wurden, sind heute wegen des Wassermangels und dem giftigen DDT fast ausgestorben.

Verschiedene kleinere Seen und Feuchtgebiete wurden in Zentral-Mexiko bereits trockengelegt, so dass der Chapala-See ein letztes Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten bietet. Rund 80 Vogelarten, darunter Gelbkehlchen, Schmuck- und Silberreiher und bis zu 3.000 Nashornpelikane rasten oder überwintern in dieser einzigartigen Seen-Region. Über 2 Millionen Wasservögel passieren jährlich den Chapala-See auf ihrem Zug.

 

Die mexikanischen Projektpartner haben einen Aktionsplan zur Rettung des Sees erarbeitet. Das Living Lakes Netzwerk fordert die

  • Erhaltung des Chapala Sees als Trinkwasserspeicher
  • Schutz von Zug- und Brutvögeln
  • Ausweisung als Ramsar Schutzgebiet

Die Situation des Lago de Chapala ist kritisch. Aktuell hat der See durch extreme Regenfälle in Herbst 2003 zwar wieder über 4 Milliarden Kubikmeter Wasser, wenige Monate davor lag der Wasserspiegel noch bei 1,6 Milliarden.

Diese ungewöhnlich starken Regenfälle dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die notwendige Wasserzufuhr durch den Fluss Lerma fast gegen null geht und die natürliche Kapazität des Sees (8 Milliarden Kubikmeter Wasser) in weiter Ferne liegt. Das Wasser des Lerma wird entsprechend der Niederschläge mittels Quoten an die Nutzer verteilt. Der Lago de Chapala ist nicht als Nutzer anerkannt, es wird nur das Wasser weitergeleitet, das übrig bleibt.

 

Das wenige Wasser des Lerma, das in den See gelangt, ist stark verschmutzt durch ungeklärte Haushaltsabwässer, Industrieabwässer sowie Nitrate und Phosphate aus der Landwirtschaft. Die Universität von Guadalajara stellte hohe Konzentrationen an Schwermetallen (u.a. Quecksilber, Kupfer, Eisen) und sogar Rückstände von DDT fest. Die Konzentrationen an DDT liegen zwischen 0,02 und 3,4 mg/l, und übersteigen den max. zulässigen Wert von 0,001 mg/l um bis zu 3.400 mal. Der Lago de Chapala liefert den größten Anteil an Trinkwasser für die Stadt Guadalajara mit sechs Millionen Einwohnern. Das Wasser wird nach Guadalajara gepumpt und vollkommen unzureichend geklärt ins Trinkwassernetz eingespeist. Dazu kommen eine Vielzahl illegaler Wasserentnahmen, die sowohl für landwirtschaftliche Zwecke als auch für Haushalte verwendet werden.

Nicht nur die Menschen sind gefährdet; auch bei den Fischen wurden hohe Konzentrationen an giftigen Substanzen festgestellt. Die Fänge der etwa 3.000 Fischer sind stark zurück gegangen, ihr Durchschnittsverdienst liegt unter 50 Pesos (weniger als 4 Euro) pro Tag. Auch die Wasservögel sind durch die starke Verschmutzung gefährdet, allen voran der weiße Pelikan, der am Lago de Chapala überwintert und sich von den Fischen ernährt. Die Flächen, die trocken fallen, gehören der nationalen Regierung (zona federal), die ihrerseits Konzessionen für die Nutzung vergibt. Eigentlich sind nur vorübergehende landwirtschaftliche Nutzungen erlaubt. Allerdings haben viele Landwirte die ihnen zugeteilten Gebiete schon fest eingezäunt. Außerdem findet man illegale Konstruktionen, Mauern, Golfplätze, etc. Es besteht die Gefahr, dass immer mehr Teile des Sees, der zum Land Michoacan gehört, völlig austrocknen.

Nach Berechnungen der Universität von Guadalajara und der Fundación Cuenca Lerma Chapala kann der See sogar ganz verschwinden, wenn die ungewöhnlich starken Regenfälle des letzten Jahres aufgebraucht sind und die Wasserzufuhr weiterhin dermaßen eingeschränkt wird.
 
Die Hintergründe für die fortschreitende Zerstörung sind folgende:
  • Es fehlt am politischen Willen der nationalen Regierung. Präsident Vicente Fox kommt aus Guanajuato, dem Land, in dem sich die bewässerten landwirtschaftlichen Flächen vervielfacht haben. Um „seine" Landwirte nicht zu verprellen, hat er bisher nichts unternommen, um den See zu retten, obwohl er nach dem nationalen Wassergesetz (Ley Nacional de Aguas), die oberste Instanz bezüglich aller Wasser- und Gewässerfragen vertritt und entsprechende Kompetenzen hat. Umweltminister Victor Lichtinger (Secretaría de Protección al Medio Ambiente y Recursos Naturales) hat sich für die Rettung des Lago de Chapala eingesetzt und einen „Plan Maestro" zur Restaurierung des Sees und seiner Zuflüsse eingesetzt. Dieser Plan Maestro scheiterte an der Zustimmung in der eigenen Regierung und des Landes Jalisco. Kurz nachdem Lichtinger das Projekt des Arcediano Dammes für noch nicht von seiner Behörde genehmigt erklärt hatte, wurde er von President Fox abgelöst und durch Alberto Cardenas Jiménez, Ex-Gouverneur von Jalisco ersetzt.
  • Der Lago de Chapala wird von der nationalen Wasserbehörde genauso „verwaltet" wie ein Stausee. Im Jahr 2003 wurde aufgrund der starken Regenfälle die vom Consejo Nacional del Agua per Dekret auf 4.500 Millionen Kubikmeter festgelegte Quote  zwar erreicht (etwa die Hälfte der natürlichen Kapazität des Sees), die Gefahr des Austrockenes bleibt jedoch, wenn die dauerhafte Versorgung des Lago de Chapala mit Wasser nicht gesichert wird.
  • Enorm gestiegene Wasserentnahmen für die Landwirtschaft im Staat Guanajuato (Oberlauf des Lerma) durch die Ausweitung der bewässerten Landwirtschaft auf 520.000 Hektar Fläche mit einer völlig veralteten Bewässerungs-Infrastruktur, Retentionen in den elf Stauseen (lieber soll das Wasser verdunsten als in den Lago de Chapala geleitet werden), illegale Wasserentnahmen und Bohrungen von Brunnen.
  • Die Bevölkerung von Guadalajara ist in den vergangenen 30 Jahren von einer Million auf fünf bis sechs Millionen Menschen angewachsen (die genaue Zahl ist nicht bekannt). Der Trinkwasserbedarf ist rapide gestiegen, ebenso wie die Nachfrage nach Lebensmitteln, die vorwiegend aus Guanajuato geliefert werden.
  • Seit 1994 verfolgt das Land Jalisco ein Projekt, 38.900 Hektar der Seenfläche trockenzulegen und für landwirtschaftliche Zwecke und Urbanisationen zu nutzen.

Der Lago de Chapala kann angeblich den Wasserbedarf für Guadalajara im aktuellen Zustand nicht mehr abdecken. Dies ist die wichtigste Begründung für das grosse Stauseen-Projekt Arcediano (Kapazität: 350 Millionen Kubikmeter), das vom Land Jalisco im Nordosten von Gadalajara geplant ist. Der Stausee soll an der Mündung des Rio Verde in den Rio Santiago gebaut werden, unverständlicherweise genau an einer Stelle, an der ungeklärte Abwässer der 6-Millionen-Stadt Guadalajara in den Santiago geleitet werden! Die notwendige Reinigung der Abwässer würde Unsummen an Geld verschlingen. Die Kosten für den Stausee werden auf 30 Milliarden Pesos (= 2,23 Milliarden Euro) geschätzt, und das Land Jalisco hat großes Interesse an der Umsetzung. Die Spekulation um die Flächen für den geplanten Stausee und rund um den Stausee spielen wohl auch eine große Rolle. Würde der Lago de Chapala genügend Wasser erhalten, könnte er wie früher auch ein ausreichender Trinkwasserspeicher für Guadalajara sein. Dann wäre der Arcediano-Stausee nicht notwendig.

Wenn nur ein Bruchteil des für den Arcediano Damm eingeplanten Geldes für die Reparatur defekter Leitungen in Guadalajara (ca. 50 % des gesamten Wassers wird durch solche Leckverluste verschwendet) verwendet würde, könnte Chapala seine Wasserversorgung problemlos decken. Würden dann noch Gelder für moderne Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft (vor allem in Guanajuato) bereitgestellt, wäre die Zukunft des Chapala-Sees gesichert. 

 

Es wurde deshalb ein Aktionsplan für drei Jahre erarbeitet und von den Amigos del Lago (Sociedad de Amigos del Lago de Chapala A.C), der Fundación Cuenca-Lerma-Lago Chapala-Santiago, A.C. und Dr. José Antonio Gómez Reyna im Namen der engagierten Wissenschaftler der Universität von Guadalajara, unterzeichnet.

 

Die gemeinsame Vision

Der Lago de Chapala soll sein natürliches Volumen von acht Milliarden Kubikmeter Wasser wieder erreichen.

 

Die Mission

  • Die gesetzlichen, technischen und sozialen Voraussetzungen zur Restaurierung des Sees schaffen
  • Realisierung aller Maßnahmen, die für die Instandsetzung des Sees notwendig sind
  • Förderung einer nachhaltigen Entwicklung, um die ökologischen, kulturellen und sozialen Werte des Lago de Chapala dauerhaft zu sichern.