Bedrohter See des Jahres 2008:

Mahakam-Feuchtgebiet - Indonesien

Die internationale Umweltstiftung Global Nature Fund (GNF) ernennt im Rahmen des Welttages des Feuchtgebietes am 02. Februar 2008 das Mahakam-Feuchtgebiet im indonesischen Teil der Insel Borneo zum „Bedrohten See des Jahres 2008". Zusammen mit der Partnerorganisation Conservation Foundation for Rare Aquatic Species of Indonesia (RASI) möchte der GNF hierbei auf die drastische Entwaldung durch Brandrodung und Holzeinschlag innerhalb des Feuchtgebietes hinweisen. Auf den gerodeten Flächen entstehen riesige Monokulturen an Ölpalm-Plantagen. Weitere Eingriffe durch den

Bergbau und durch illegale Bebauung zerstören ursprüngliche Waldgebiete und beeinträchtigen die Lebensgrundlagen der Bewohner sowie die Lebensräume für Pflanzen und Tiere nachhaltig.

 

Das Mahakam-Feuchtgebiet liegt im südlichen Teil der Insel Borneo und ist seit dem Jahr 2000 Partnersee im internationalen Netzwerk Living Lakes, welches vom GNF koordiniert wird. Die sog. Mittlere Mahakam-Region (engl.: Middle Mahakam Lakes and Wetland MMLW) ist mit einer Fläche von 8.100 km² eines der größten Feuchtgebiete in Kalimantan, dem Südteil von Borneo.

Das Gebiet umfasst drei größere Seen: Jempang (150 km²), Semayang (130 km²) und Melintang (110 km²). Weitere 30 Seen mit durchschnittlichen Größen zwischen 0,1 und 20 km² liegen in dem Gebiet sowie großflächige Torf- und Süßwassermoore. Die Seen sowie die Moore sind durch Nebenflüsse mit dem Mahakam-Fluss, dem mit einer Länge von 920 km längsten indonesischen Fluss, verbunden. Das gesamte Gebiet ist ein wichtiger Trinkwasserspeicher, bietet ein bedeutendes Potential für die Fischerei und den Transport auf den Wasserwegen.

Die Region ist ein äußerst wichtiges Brut- und Rastgebiet für 90 Arten Wasservögel, einschließlich wichtiger Brutpopulationen verschiedener Fischreiher und dem Sunda-Marabu (Leptoptilos javanicus). 298 Vogelarten wurden in diesem Gebiet gezählt, von denen 70 Arten geschützt sind und fünf endemische Arten Kalimantans beinhalten: Borneo-Bronzemännchen (Lonchura fuscans), Borneo-Dickkopf (Pachycephala hypoxantha), Borneo-Spiegelpfau (Polyplectron schleiermacheri), Prachtblauschnäpper (Cyornis superbus) und Kahlkopfwürger (Pityriasis gymnocephala).

Verlust der ursprünglichen Sumpfwälder

Großflächige Waldumwandlungen und verheerende Waldbrände, die durch längere Trockenperioden in den Jahre 1982 und 1998 begünstigt wurden, haben zu einer Verringerung um 90 % der ursprünglichen Waldflächen geführt, dies entspricht einer Fläche von 400.000 ha.  60 bis 70 % der verbrannten Flächen regenerierten sich inzwischen, hier wachsen wieder die ursprünglichen Baumarten.

 

Der Verlust der ursprünglichen Regenwaldflächen mit den CO2-speichernden Torfschichten und deren Umwandlung in industriell genutzte Agrarflächen bringt viele Veränderungen für die Bevölkerung sowie für die Pflanzen- und Tierwelt vor Ort mit sich.

 

Ansiedelung von Industrie und ihre Folgen

In der Nähe des Jempang Sees entstanden neben einem Bergwerk und drei Kautschuk-verarbeitenden Betrieben vier Ölpalm-Plantagen. Die erste von ihnen begann 1996 mit der Einrichtung der Monokultur, die drei anderen folgten 2003. Jede Plantage weist einen Flächenbedarf von 20.000 ha auf.

Für die Einrichtung der Plantagen ist die Entwässerung der Moorschichten notwendig. Dabei wird die über Jahrzehnte entstandene organische Masse aus abgestorbenen Pflanzenteilen zerstört und der Kohlenstoff in Form von CO2-Gas ausgestoßen. Die Ölpalmensetzlinge werden in riesigen Monokulturen gepflanzt und bieten den Tieren sowie anderen Pflanzen keinen adäquaten Lebensraum. Die Bewässerung der Plantagen führt zu Ausschwemmungen von Sedimenten und Pestiziden.

 

Für die Kultivierung der Plantagen sind zusätzliche Transportwege nötig, um einerseits Setzlinge, Düngemittel und Arbeitsgeräte zu den Plantagen und andererseits die geernteten Palmfrüchte zu den Standorten der weiterverarbeitenden Industrie zu bringen. Das Wegenetz zu Land schlägt markante Schneisen durch den Wald. Wasserwege werden stärker frequentiert und Ufer durch Hafenanlagen und Verladestationen überbaut.

Der zunehmende Sedimenteintrag in Verbindung mit Pestiziden und Abwässern aus den Ölpalm-Plantagen und Bergwerken verschlechtert die Wasserqualität der Seen und Moore und ruft durch größere Flutwassermengen und Eutrophierung ein unkontrolliertes Wachstum z.B. von Seegras hervor, welches zeitweise zwischen 50 und 90 % der Seen bedeckt und den Transport auf dem Wasser behindert.

 

Im Moment verliert der Jempang See jährlich 4 mm an Wassertiefe, da der Mahakam-Fluss 126 t Sediment pro Jahr mit sich führt. Diese Mengen sind durch Erosionen an den Zuflüssen des Mahakam-Flusses bedingt. Für die Seen Semayang und Melintag wurden für das Jahr 2002 ein Sedimenteintrag von 140 t/ha gemessen, wohingegen im Jahr 1994 der Wert bei 30 t/ha lag.

 

Schutz- und Erhaltungsmaßnehmen vor Ort

Die Partnerorganisation RASI möchte weitere Entwaldungen verhindern und bereits geschädigte Gebiete mit einheimischen Pflanzen renaturieren. Durch diese Maßnahmen soll die Biodiversität in der Pflanzen- und Tierwelt erhalten bleiben, da ursprüngliche Habitate erhalten bzw. wieder hergestellt werden. Die indigenen Völker (Urbevölkerung) profitieren von diesen Maßnahmen, da ihre Lebensgrundlagen (Fischreichtum, Anbau von Reis und Früchten in kleinen Parzellen) erhalten werden.

 

In Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe zu Wald und Landschaft (Forest Landscape Researches Group) und mit dem Zentrum für Forschung an Wasserressourcen der Universität Mulawarman konzentriert sich RASI auf das räumliche Gebietsmanagement zu verschiedenen Landnutzung sowie auf die Ausweisung von kritischen Gebieten zur Wiederaufforstung. Andere Aktivitäten beinhalten die Ausweisung von Gebieten mit großer Artenvielfalt, die einen besonderen Schutz bedürfen sowie das Verbessern des Umweltbewusstseins der örtlichen Vertreter und Politiker. Die Anträge wurden jedoch vom Ministerium für Waldwirtschaft abgelehnt, da nach dessen Auffassung genug Wiederaufforstungsprojekte in Ost-Kalimantan durchgeführt werden.

 

In West-Kalimantan beschloss erst kürzlich das Amt für Umwelt und Bergbau, bei der Vergabe neuer Konzessionen für großflächige Plantagen restriktiver vorzugehen.

 

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist der Schutz der stark bedrohten Delfinart Irrawaddy-Delfin, die im Süßwasser des Mahakam-Flusses und der Seen vorkommt. Hier werden intensiv zwei Schutzgebiete in der Region West Kutai und Zentralkutai betreut. Die örtlichen Fischerfamilien werden in Workshops über alternative Fischereimethoden informiert. Die Schulkinder erhalten einen Einblick in die Artenvielfalt ihrer Umgebung und die Notwendigkeit, diese empfindliche Natur zu schützen. In den beiden Schutzgebieten werden die Daten zu den Irrawaddy-Delfinen regelmäßig erfasst und ausgewertet. Hierbei werden die Anzahl der Delfine sowie Geburten- und Sterberaten berücksichtigt.

 

Nationale und internationale Zusammenhänge

Mit einer Gesamtfläche von 743.122 km² ist Borneo die drittgrößte Insel der Welt. Politisch ist sie in drei Staaten eingeteilt: Im Norden liegen die beiden Provinzen Sabah und Sarawak, die zu Malaysia gehören, sowie das souveräne Sultanat Brunei. Der größere Südteil gehört zu Indonesien, wird Kalimantan genannt und ist wiederum in vier Provinzen unterteilt.

 

Das Klima auf Borneo ist durch den Monsun geprägt, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch und kann über 80 % betragen. Im nördlichen Teil der Insel treten zwei Regenperioden auf, im Südteil hingegen gibt es keine ausgesprochenen Regenzeiten. Der Großteil der gesamten Insel war und ist von dichtem Regenwald bewachsen, der einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren eine Heimat bot bzw. noch bietet. Hier leben Elefanten, Sumatra-Tiger, Gibbons und Orang-Utans. Bisher wurden auf Borneo 220 Säugetierarten, 620 Vogelarten sowie 400 Reptilien- und Amphibienarten und 15.000 Pflanzenarten gezählt.

 

Durch Holzeinschläge und Brandrodung wurden in den vergangenen Jahren große Flächen an ursprünglichem Regenwald unwiederbringlich zerstört. Auf den gerodeten Flächen entstehen riesige Monokulturen von Ölpalmen (Elaeis guineensis). Diese wirtschaftlich bedeutende Palmenart liefert große Mengen an Früchten, aus denen Palmöl und Palmkernöl hergestellt wird. Malaysia und Indonesien sind hier die wichtigsten Anbauländer, sie liefern über 80 % der Weltproduktion. Weltweit wurden 2007 ungefähr 37,4 Millionen Tonnen Palmöl produziert, das im Lebensmittel- und Kosmetikbereich sowie als Biotreibstoff weiterverarbeitet wird.

 

In den vergangenen zehn Jahren waren schätzungsweise fast drei Viertel der Holzexporte aus Indonesien illegaler Herkunft. Korruption, mangelnde Kontrolle und fehlende Umsetzung von Reformen in Bezug auf den Schutz der heimischen Regenwälder konnten die illegalen Rodungen und Waldbrände nicht in den Griff bekommen. Die Provinz- und Bezirksregierungen unterstützen die geplanten Maßnahmen der Zentralregierung nicht ausreichend.

 

Die Expansion im Palmöl-Sektor ist eine der treibenden Kräfte der Waldumwandlung. Vor 40 Jahren betrug die gesamte, mit Ölpalmen bepflanzte Fläche in Indonesien 100.000 Hektar, 1985 erreichte die Anbaufläche ca. 600.000 Hektar, im Jahr 2000 waren es bereits 3 Mio. Hektar und bis 2006 verdoppelte sich die Fläche auf 6,4 Mio. Hektar. Da die Anbaumöglichkeiten auf der indonesischen Insel Sumatra weitestgehend genutzt sind, sehen die Ausbaupläne der Regierung weitere Nutzungsflächen in Kalimantan sowie Papua vor, offiziell geht es um weitere 3 Mio. Hektar Land.