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Renaturierung des Flusssystems am Unteren Jordan

 
 

Projektlaufzeit:

Projektland:

Projektpartner:

Förderer:

 

Oktober 2008 – Oktober 2010

Israel, Jordanien, Palästinensische Gebiete

Friends of the Earth Middle East

United States Agency for International Development (USAID), Goldman Fund, Green Environment Fund, Stiftung Ursula Merz

 
 

Hintergrund 

Der über 300 Kilometer lange Jordan entspringt in drei Quellen in Israel, Libanon und den von Israel besetzten syrischen Golan-Höhen. Der obere Jordan fließt in den See Genezareth, den einzigen Süßwassersee im Nahen Osten und deckt rund ein Drittel des Wasserbedarfs Israels. Für den Unteren Jordan, der die Grenze Israels zu Jordanien sowie im weiteren Verlauf die Trennlinie zu den palästinensischen Gebieten bildet, werden die Folgen der Wasserentnahme immer dramatischer. Das hat zur Folge, dass kaum noch Wasser vom Jordan ins Tote Meer fließt.

 

Projektziele

Primäres Ziel des Projektes war die Identifizierung verschiedener Mittel, durch welche ein Wassertransfer zum Unteren Jordan erreicht werden kann und andererseits die Schaffung politischen Willens, um diese in die Tat umzusetzen. Die Mobilmachung visionärer Entscheidungsträger und Schlüsselakteure in Jordanien, Israel und Palästina zur Entwicklung von Dialog und Durchsetzung konkreter Schritte bis hin zur Rehabilitation des Jordans sollen neue Möglichkeiten schaffen, um die Lebensgrundlage von mehr als 300.000 Bewohner des Jordantals – Jordanier, Palästinenser und Israelis – zu verbessern. Dies wird ein wichtiger Beitrag für die Schaffung von gegenseitigem Verständnis und gemeinsamen Mechanismen sein, mit welchen geteilte natürliche Ressourcen wie das Wasser im Jordantal besser gemanagt werden können. Friends of the Earth Middle East (FoEME), führender Akteur des Renaturierungsprojektes und Partner des GNF am Jordan, verfolgt dabei einen regionalen Ansatz, der alle Seiten zu gemeinsamem Handeln bewegt. Nur so werden beste Voraussetzungen geebnet, um politische Unterstützung für den Rückfluss von Süßwasser in den Jordan zu gewinnen.

 

Projektdurchführung

1.     Bestimmung der nötigen Wassermenge zur Renaturierung des Unteren Jordan.

2.     Darstellung der existierenden Widerstände, welche eine Reform nationaler Wasserpolitik verhindern.

3.     Durchführung einer Transboundary Diagnostic Analysis (TDA) (grenzüberschreitenden Diagnoseanalyse), um existierende und denkbare Möglichkeiten zum Transfer von Süßwasserressourcen aus den israelischen, jordanischen und palästinensischen Wassernutzern - insbesondere von den landwirtschaftlichen, häuslichen und industriellen Sektoren - hin zum Jordan zu identifizieren.

4.     Entwicklung und Implementierung eines Strategischen Aktionsplans (SAP) gemeinsam mit Entscheidungsträgern in Israel, Palästina und Jordanien. Der SAP wird darauf ausgerichtet sein, Unterstützung für die in der Studie aufgezeigten „Wedges“ auszubauen.

5.     Entwicklung einer internationalen Kampagne, um Aufmerksamkeit für den Zustand des Unteren Jordans und die Notwendigkeit der Reform des regionalen Wassermanagements zu stärken.

Das „Wedges“-Konzept ist ein strategisches Instrument, das an der Princeton Universtiy entwickelt wurde, um große, komplizierte Probleme in kleinere, überschaubarere „Wedges“ aufzuspalten. Dieses Konzept wird im Rahmen des Jordan-Renaturierungsprojektes bei der Durchführung der „Transboundary Diagnosis Analysis“ angewandt. Dieses Instrument kann den Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern helfen aufzuzeigen, welcher Prozentsatz des Wasserverbrauchs in jedem Sektor jedes Landes eingespart und dem Jordan zugeführt werden kann.

 

Im Rahmen des Projektes soll demzufolge versucht werden, genügend „Wedges“ zu identifizieren, um den Entscheidungsträgern, den Medien und der Bevölkerung aufzuzeigen, dass realistische ökonomische und ökologische Möglichkeiten bestehen, die es erlauben, Wasser zurück in den Jordan fließen zu lassen, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.

 

Projektergebnisse

Die aktuellen Studien der israelisch-palästinensisch-jordanischen Umweltorganisation Friends of the Earth Middle East (FoEME) besagen, dass vom ursprünglichen Wasservolumen des Jordans nur noch 2 % übrig sind (20 bis 30 Millionen Kubikmeter). Der „heilige“ Fluss im Nahen Osten droht auszutrocknen. Was den Unteren Jordan noch am Leben hält, sind ungeklärte Abwässer, Oberflächenwasser aus der Landwirtschaft und Salzwasser, das aus Salzwasserquellen nahe dem See Genezareth in den Jordan gelenkt wird. 50 % der Biodiversität des Flusses sind bereits zerstört. Das Tote Meer verliert seinen wichtigsten Zufluss und verdunstet jährlich um ca. 80 Zentimeter, das Seeufer weicht jährlich um ca. 20 Meter zurück.

 

Der Wasserverbrauch eines Israelis liegt bei 240 bis 280 Litern pro Tag, der eines Palästinensers bei rund 60 Litern. Im Vergleich: ein Deutscher verbraucht ca. 125 Liter Wasser pro Tag. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt eine tägliche Menge von 100 Litern. Der Grund für das Wasserproblem im Nahen Osten ist nicht nur der Wassermangel, der sich durch den Klimawandel verschärft, sondern vor allem das Fehlen von Wassersparmaßnahmen, wasserintensive Landwirtschaft auf der israelischen Seite und die fehlende Solidarität mit den besetzten palästinensischen Gebieten. Auf der Strecke bleiben die Menschen in den palästinensischen Gebieten und die Natur.

 

Wie kann der Untere Jordan gerettet werden?

Der einst voluminöse Untere Jordan floss jahrtausendelang vom See Genezareth in das Tote Meer und stellte ein wichtiges Feuchtgebiet für einheimische Arten sowie für über 500 Millionen Vögel dar, die zweimal jährlich auf ihrem Vogelzug diesen schmalen Korridor entlang fliegen. In ihrer Studie untersuchten FoEME einerseits, welche Menge an Wasser nötig ist, um den Jordan wieder herzustellen und welche Wassereinsparpotentiale in den angrenzenden Ländern Israel, Palästina und Jordanien realisierbar sind.

 

Die Untersuchungen zeigen, dass jährlich mindestens 400 bis 600 Millionen Kubikmeter (MKM) Wasser im Jordan fließen müssen, damit der Fluss samt seiner Artenvielfalt überlebt. Dieses Wasser muss zu mindestens 75 % aus Süßwasser bestehen und darf höchstens 25 % Abwässer enthalten. Zusätzlich muss das Flussbett des Jordan zumindest einmal im Jahr überschwemmt werden, um den hohen Salzgehalt im Wasser zu reduzieren und so die Qualität des Wassers für den Erhalt der Artenvielfalt zu verbessern. Das Wasser darf also nicht am Alumot-Damm am südlichen Teil des Sees Genezareth zurückgehalten werden, wie es die derzeitige Praxis ist.

 

Das High-Tech-Land Israel ist weltweit Vorreiter in Sachen Meerwasserentsalzung, Recycling von Abwasser oder Tropfbewässerung für die Landwirtschaft. Aber das Fachwissen kommt bisher nicht dem Unteren Jordan zugute. Nun plant Israel große Meereswasserentsalzungsanlagen zur Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. Dann wäre auch Wasser für den Jordan da – so die israelischen Behörden. Meerwasserentsalzungsanlagen verschlingen unheimlich viel Energie und die Salzlake wird in der Regel einfach ins Meer entsorgt und zerstört das küstennahe Ökosystem. Der Strom in Israel stammt zu 70 % aus Kohlekraftwerken. Ökologische Folgen bleiben hierbei in der Regel völlig unberücksichtigt. Zudem muss das Salzwasser mit diversen Chemikalien behandelt werden, damit es überhaupt für Menschen trinkbar ist. Auch das Recyceln von Haushaltsabwasser für die Verwendung in der Landwirtschaft wird in Israel bereits durchgeführt. Doch ist dieser kosten- und energieintensive Aufwand tatsächlich nötig, wenn es eigentlich genug Wasser gibt?

 

Insgesamt mögen die technischen Errungenschaften die Menge an Wasser langfristig erhöhen, dennoch stellt sich die kritische Frage danach, wie verschwenderisch vor allem in Israel mit Wasser umgegangen wird und wie ungerecht das Wasser verteilt wird. „Die Landwirtschaft verbraucht in Israel über 50 % des Wassers und trägt ca. 2 % zum Bruttoinlandsprodukt bei. Wie viel Sinn macht es, an der Landwirtschaft festzuhalten, wenn die meisten landwirtschaftlichen Betriebe über einen zusätzlichen ökonomischen Produktionszweig verfügen? Wir müssen uns fragen, ob es Sinn macht, unsere Städte an allen Ecken künstlich zu begrünen, wenn dafür Unmengen an Wasser verbraucht werden,“ kritisiert Gidon Bromberg, Direktor von FoEME Israel.

 

Wassereinsparpotentiale in Israel, Jordanien und Palästina

Gemeinsam mit jordanischen und palästinensischen Kollegen sowie internationalen Wissenschaftlern präsentiert Gidon Bromberg in der Studie, dass es ökonomisch betrachtet günstiger ist, Wasser einzusparen. Basierend auf der derzeitigen Wasserversorgung in Israel, Jordanien und Palästina identifizierten die Autoren der Studie mögliche Wassereinsparpotentiale in wasserintensiven Wirtschaftszweigen aller drei Länder. Hierbei kam die Studie zu dem Ergebnis, dass in Israel ca. 517 MKM, in Jordanien ca. 305 MKM und in Palästina ca. 92 MKM Wasser eingespart werden können. Palästina erhält kein Wasser aus dem Jordan und die möglichen Einsparungen müssten in erster Linie den Menschen dort zugute kommen, unterstrich FoEME und verweist darauf, dass die Organisation die Wasserrechte Palästinas anerkennt.

 

Wie kann Wasser eingespart werden? Wasser ist besonders in Israel stark subventioniert und der Wasserpreis für die Haushalte, Industrie (inklusive Tourismus) und die landwirtschaftliche Nutzung muss erhöht werden. Außerdem gibt es Einsparpotentiale durch die verstärkte Nutzung von Grauwasser (fäkalienfreies, gering verschmutztes Abwasser, wie es etwa beim Duschen, Baden oder Händewaschen anfällt) für Bewässerung und Klospülung, eine effizientere Bewässerungsmethode sowie die Entwicklung von Regenwasserauffangtechniken. Diese Maßnahmen sollen durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für einen niedrigeren Wasserverbrauch im Alltag begleitet werden. Ein intakter Jordan hat aufgrund seiner geschichtlichen und religiösen Bedeutung hohes Potential für die Entwicklung von umwelt- und sozialverträglichem Tourismus in der Region. FoEME will mit der Einrichtung eines Peace-Parks im Grenzgebiet von Israel und Jordanien einen wichtigen Grundstein dafür legen.

 

Kooperation von Israel, Jordanien und Palästina ist dringend erforderlich

FoEME bekräftigt, dass es wider besseren Wissens und Vernunft ist, ein so wichtiges Ökosystem wie einen Fluss zu vernichten und zu denken, dass dies keine negativen Folgen für die Region haben wird. Die jeweiligen Regierungen und regionalen Entscheidungsträger sind aufgefordert, sich an der Rettung des Jordan zu beteiligen. Die Konferenz vom 3. bis 4. Mai 2010 im jordanischen Amman, auf der die Ergebnisse der Studie vor ca. 180 regionalen und internationalen Experten, lokalen und nationalen Regierungsvertretern und anderen Entscheidungsträgern aus Jordanien, Israel und Palästina vorgestellt und diskutiert wurden, war ein erster gemeinsamer Schritt.

 

Zwar wurden insbesondere der jordanische und der palästinensische Direktor von FoEME in der Presse angegriffen, den „Wasseranspruch ihrer Länder zu verraten und gemeinsame Sache mit Israel zu machen“, aber beide konterten diese Kritik mit der Feststellung, dass es kein patriotischeres Ziel gibt, als die Wasserressourcen langfristig sicherzustellen und zwar für alle Menschen im Nahen Osten. „Ein intakter Jordan und ein intaktes Totes Meer sind das Kapital für unsere Zukunft“, so Nader Khateeb, der palestinänsische Direktor von FoEME. Am 28. und 29. Juni 2010 präsentiert FoEME die Studien und notwendige nächste Schritte vor dem Europäischen Parlament.

 

Die hier präsentierten Studien von Friends of the Earth Middle East wurden in Kooperation mit dem Global Nature Fund (GNF) verfasst und durch eine Finanzierung der Stiftung Ursula Merz ermöglicht. FoEME vertritt das Tote Meer im internationalen Seennetzwerk Living Lakes. Das vom GNF gegründete Netzwerk setzt sich für den Schutz der Seen und eine nachhaltige Entwicklung in den Seenregionen ein und wird hierbei auch von weltweit tätigen Unternehmen wie der Daimler AG, der Deutschen Lufthansa, Telekom, Sika, Reckitt Benckiser und Osram unterstützt.

 

Radolfzell / Tel-Aviv, 17. Mai 2010

 

Für ausführlichere Informatinen lesen Sie die Studien (Englisch):

 
 
 
 Den Jordan halten nur noch Abwässer am Leben
 Der Jordanfluss grenzt an Israel, Palästina und Jordanien
 Vor allem die Palästinensische Bevölkerung leidet unter Wassermangel
 Schild mit dem Wasserstand des Toten Meeres im Jahr 2000.
 Das Tote Meer sinkt jährlich um 80 Zentimeter
 Der GNF finanziert die Einrichtung von Trockentoiletten
 Wasserprobenentnahme am Jordan
 Wie wie Wasser fließt noch im Jordan?
 Die drei Direktoren von FoEME fordern von ihren Regierungen schnelles Handeln
 Die Europäischen Sozialdemokraten brachten eine Resolution zur Rettung des Jordan ins EU-Parlament.
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