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Bedrohter See des Jahres 2009: Atitlán-See in Guatemala

 
In diesem Jahr ernennt der Global Nature Fund (GNF) den in Guatemala liegenden Atitlán-See im Rahmen des 5. Weltwasserforums in Istanbul zum „Bedrohten See des Jahres 2009“. Die Selbstreinigungskraft des Sees nach jahrelanger Beanspruchung hält den aktuellen Umweltbelastungen nicht mehr länger stand.
 

Der Atitlán-See ist einer der größten und wichtigsten Frischwasserspeicher in Zentralamerika. Eingebettet in eine wunderschöne, durch Vulkane geprägte Landschaft, bietet der Atitlán-See die Lebensgrundlage einer großen Anzahl von Anwohnern. Er versorgt die Menschen mit Wasser für den Alltag und für die Landwirtschaft. Darüber hinaus ist der Atitlán-See eines der beliebtesten Ziele für Touristen und somit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Gemeinden rund um den See.

 

Doch die Idylle trügt. Im Dezember 2008 bildete sich ein Algenteppich auf der Wasseroberfläche, der durch Cyanobakterien hervorgerufen wurde. Dieses Phänomen fiel sowohl Besuchern als auch Einheimischen sofort auf und rief bei den Behörden und der Bevölkerung große Besorgnis hervor. Der Algenteppich bedeckte zeitweise 75 % der Seeoberfläche, vor allem in Buchten und Uferabschnitten in der Nähe größerer Siedlungen hielt sich der Algenteppich über einen längeren Zeitraum bis in den März 2009 hinein.

 

In der Zwischenzeit kamen die verschiedenen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen vor Ort zusammen, um gemeinsam und vor allem einstimmig tiefgreifende Studien zur Wasserqualität, über die Ursachen und Folgen des Algenteppichs sowie über seine mögliche Toxizität durchzuführen. Auf diese Weise wird nun die momentane Situation des Atitlán-Sees erfasst. Darüber hinaus einigten sich die beteiligten Organisationen, diese Datenerhebung über einen längeren Zeitraum durchzuführen, um so auf Veränderungen und mögliche Katastrophen umgehend reagieren zu können.

 

Die drei Regierungsbehörden, die für den See und sein Einzugsgebiet verantwortlich sind, waren bisher mit kleinen Budgets ausgestattet. Die Behörde für Nachhaltige Entwicklung im Atitlán-Becken und seiner Umgebung (La Autoridad Para El Manejo Sustentable de la Cuenca de Atitlán y su Entornos AMSCLAE), der Staatsrat für Naturschutzgebiete (Consejo Nacional de Áreas Protegidas y su delegación departamental) sowie die Abteilung des Umweltministeriums sind vor Ort vertreten und setzen sich nun zusammen mit den NGOs für die Erhöhung der Finanzmittel zur Umsetzung von konkreten Schutzmaßnahmen ein.

 

Die Problematik auf einen Blick: Vulkane und Müll am Seeufer.

 
Zulauf ungeklärter Abwässer

 

In Guatemala und insbesondere in der Region Sololá, in welcher der Atitlán-See liegt, leben 74 % der Menschen in Armut, 34 % sogar in extremer Armut. Das Thema Umweltschutz spielte bisher nur eine untergeordnete Rolle, da der Ausbau des Gesundheitswesens sowie die Errichtung von Wegen und Schulen einen größeren Stellenwert bei der Vergabe von Finanzmitteln hatte.

 

Aufgrund seines enormen Wasservolumens wird der Atitlán-See nach wie vor als ein sauberes Gewässer bezeichnet. Seine Selbstreinigungskraft basiert dabei auf den natürlichen Mechanismen des Sauerstoffeintrages, wie z. B. durch Winde, sowie auf der Filterwirkung der Wasserpflanzen, die bisher einen Teil der eingetragenen Stoffe absorbierten.

 
Leben auf den Mülldeponien

 

Die Umweltverschmutzung wurde bis zum Auftreten des Algenteppichs nur an einigen Brennpunkten markant sichtbar. Die Bevölkerung vieler Siedlungen entsorgt ihre Abfälle unreguliert und unkontrolliert direkt ins Wasser. Dies führte zu einer starken Kontaminierung der Gebiete in der Nähe der größeren und am stärksten besiedelten Orte. Bisher hat keine der Gemeinden am See ernsthafte Maßnahmen zur umweltgerechten Abfallbeseitigung ergriffen. Obwohl mehrere Umweltorganisationen bereits seit mehr als zehn Jahren rund um den See existieren, erlauben die mangelnden finanziellen Mittel ihnen nicht, die nötigen Programme zur Wasserreinhaltung vollständig umzusetzen. Die Organisationen waren bisher lediglich in der Lage, punktuell einzelne Aktionen durchzuführen.

 

Eine Naturkatastrophe, die bereits gravierende Folgen für den See hatte, war der Tropensturm Stan im Oktober 2005. Der Hurrikan hatte Überschwemmungen und Schlammlawinen zur Folge; damals waren zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung zu beklagen und Infrastrukturschäden im öffentlichen sowie im privaten Sektor waren die Folgen. Auch eine der wenigen Kläranlagen, die es im Seebecken in der Region La Cuenca gibt, wurde in der Gemeinde Panajachel zerstört.

 

Panajachel ist eine der Siedlungen am Seeufer, die aufgrund der relativ hohen Bevölkerungszahl (ca. 11.200 Einwohner) und als einer der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen in Guatemala die größten Abfallmengen in der Region produziert. Die Zerstörung der Kläranlage im Oktober 2005 führte dazu, dass seither alle Abwässer der Gemeinde direkt und ungeklärt in den See gelangen, wodurch die Verschmutzung entlang des Seeufers deutlich zugenommen hat. Nicht nur die ungeklärten Abwässer tragen zur Wasserverschmutzung bei, sondern auch der Müll, der in fester Form anfällt. Keine der Gemeinden sorgt für adäquate Abfallbehandlungsmethoden, in der Regel werden die Abfälle am Straßenrand gelagert und gelangen letztendlich an das Seeufer. Auch Müllhalden der Gemeinden, die nicht entsprechend abgedichtet sind, verursachen Sickerwässer, die in den See gelangen.

 

In diesem Zusammenhang betonen sowohl die Gemeinden am See als auch die nationalen Umweltbehörden die Notwendigkeit, umgehend Sanierungspläne für den See einzuführen, um so den bereits bestehenden und eventuell noch drohenden Verschmutzungen nachhaltig entgegenzuwirken, bevor es zu spät ist.

 

Die konkreten Maßnahmen sehen u. a. vor, in Panajachel noch in diesem Jahr mit dem Bau einer neuen Kläranlage zu beginnen. Drei weitere, bereits schon im Bau befindliche Kläranlagen in kleineren Gemeinden sollen fertig gestellt werden, was durch fehlende Gelder bisher nicht möglich war. Insgesamt soll sich in einem ersten Schritt die Umsetzung der Schutzmaßnahmen auf 15 Gemeinden am Atitlán-See konzentrieren, die Projekte werden im Rahmen der Regionalen Strategischen Planung (Planificación Estratégica territorial - PET) koordiniert. Schwerpunktmäßig geht es um die Behandlung von Abwasser und Müll.

 

Unsere Partnerorganisation vor Ort, Asociación Vivamos Mejor Guatemala, informiert die Bevölkerung über die Wasserproblematik in Kampagnen, um so das Bewusstsein für den See aber auch für anfallende Abwässer und Müllmengen zu erhöhen.

 

Die vom Hurrikan STAN zerstörte Kläranlage in Panajachel.

 

Einheimische auf der Suche nach wiederverwertbarem Müll.

 

Hintergründe:

 

Der Atitlán-See ist der drittgrößte Süßwassersee in Guatemala und liegt im westlichen Hochland im Regierungsbezirk Sololá. Seine Fläche erstreckt sich über 130 km² und befindet sich in einem Krater, der durch einen Vulkanausbruch vor ca. 85.000 Jahren entstand. Seine maximale Tiefe liegt bei ca. 340 m, deshalb gilt der Atitlán-See als der tiefste See in Zentralamerika.

 

Im und am Atitlán-See findet man eine einzigartige Biodiversität, 798 verschiedene Pflanzenarten sind hier zu finden, von denen 61 Arten endemisch sind. Auch in der Tierwelt spiegelt sich die Vielfalt wieder: 116 Arten Reptilien und Amphibien, 236 Vogelarten, davon 12 endemisch sowie 141 Säugetierarten, hiervon sind 7 endemisch.

 

Die Region um den Atitlán-See zählt zu den ärmsten in Guatemala. Die Menschen leben zum größten Teil vom Ackerbau für den Eigenbedarf, hier werden die Grundnahrungsmittel wie Getreide, Mais und Bohnen angebaut. Der Tourismus ist eine weitere Einkommensquelle, da der Atitlán-See der am zweit häufigst besuchte Ort in Guatemala ist.

 

Unsere Partnerorganisation Asociación Vivamos Mejor Guatemala setzt sich seit Jahren für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung vor Ort sowie für die Erhaltung der Natur und die nachhaltige Entwicklung am See ein. Der Atitlán-See und unsere Partnerorganisation sind seit dem November 2006 assoziiertes Mitglied im weltweiten Netzwerk Living Lakes.

 

Vivamos Mejor Guatemala ist eine Nicht-Regierungsorganisation, die im Jahr 1992 gegründet wurde und in der Region Sololá tätig ist, eine der ärmsten Regionen Guatemalas. Die Arbeitsschwerpunkte von Vivamos Mejor sind die soziale Entwicklung der Region, die Verbesserung der Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung sowie der Erhalt der natürlichen Umwelt. Seit 2002 führt die Organisation zahlreiche Maßnahmen zum Schutz des Atitlán-Sees durch. Ihre langfristigen Ziele sind dabei die erfolgreiche Anwendung integrierter Entwicklungsmodelle und die Ausweitung der Arbeit auf weitere Regionen des Landes.

 

Vivamos Mejor Guatemala wurde von vielen Gemeinden, staatlichen sowie privaten Organisationen mehrmals als eine der besten Entwicklungsorganisationen des Landes ausgezeichnet.

 

Weitere Informationen über den Atitlán-See auf der GNF-Website.

 
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