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VfU-Tagung „Die ökonomische Bedeutung der Biodiversität im Finanzsektor“ in Augsburg

 

Am 24. Juni 2009 luden im Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg (WZU) der Verein für Umweltmanagement in Banken, Sparkassen und Versicherungen e.V. (VfU), die United Nations Environment Programme Finance Initiative (UNEP FI), der Global Nature Fund (GNF) und das WZU zu einer Tagung zum Thema „Die ökonomische Bedeutung der Biodiversität im Finanzsektor“ ein.Rund 40 deutsche und internationale Teilnehmer und Referenten aus dem Finanzdienstleistungssektor,  aus Wissenschaft, Politik und Umweltverbänden kamen der Einladung nach und diskutierten einen Tag lang die ökonomische Bedeutung der Biodiversität. Dabei tauschten sie ihre Kenntnisse und Ideen wie auch ihre Fragen zum Thema aus.

 

Möglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung gewinnen auch und insbesondere im Finanzsektor an Bedeutung. Neben dem Klimaschutz stellt vor allem die rapide abnehmende Biodiversität nicht nur ein ökologisches, sondern vor allem ein ökonomisches Problem dar. Dies macht sich auch im Finanzdienstleistungssektor bemerkbar, wo biodiversitätsschonende Investitions- und Anlagemöglichkeiten fortwährend an Bedeutung gewinnen. Die hierfür zugrunde gelegten Leitlinien sind bisher in der Regel nicht direkt auf den Schutz der Biodiversität zugeschnitten, sondern greifen diese Thematik nur indirekt auf. An diesem Defizit knüpfte die Tagung an.

 

Zur Begrüßung verwies Prof. Dr. Bernd Wagner, Vorstand des WZU und VfU, auf das aus seiner Sicht zentrale Problem bei der Diskussion der Biodiversitätsproblematik. Dieses sollte sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung ziehen: die Monetarisierung der Biodiversität mit dem Ziel, Konventionen zur Bewertung des Schutzes der Biodiversität zu entwickeln. Dabei machte Prof. Dr. Wagner deutlich, dass auch die gängigen Bewertungsmuster in der Betriebswirtschaftslehre lediglich Konventionen und keineswegs objektiv seien. Die Herausforderung sei nun, „eine Brücke zu schlagen zwischen Naturschützern und Finanzdienstleistern“ und dafür eine gemeinsame monetäre Sprache auch bezüglich des Schutzes der Biodiversität zu schaffen.

 

Unter der Moderation von Prof. Dr. Manfred Niekisch, Direktor des Frankfurter Zoos und Beirat des GNF, wurde diese Problemstellung mit folgenden Themenfeldern angegangen:

  • Die wirtschaftliche Bedeutung der Biodiversität
  • Märkte für Biodiversität – Chancen und Grenzen
  • Bewertung der Biodiversitäts-Performance von Unternehmen
  • Biodiversität: Wer macht (überhaupt) was im Finanzsektor- Biodiversität: Handlungsempfehlungen für Banken und Versicherungen

Die Vorträge handelten zum einen allgemeine Fragen zum Schutz der Biodiversität und dem Engagement von Unternehmen in diesem Bereich ab. Zum anderen fokussierten die Vorträge konkrete Konzepte und Fragen, wie sich der Wert der Biodiversität bestimmen lassen kann. Dabei ging es um greifbare Kennzahlen für die Performance der Unternehmen beim Schutz der Biodiversität bzw. das Risiko für die Biodiversität bei der Kreditvergabe und Anlagepolitik von Finanzinstituten.

 

Bereits das erste Themenfeld zeigte, wie aufwendig sich die Monetarisierung der Biodiversität gestaltet.

Das wohl umfassendste und komplexeste Projekt zur Erfassung des ökonomischen Werts der Biodiversität und ihrer Ökosystemdienstleistungen stellt die „The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB)“ Studie der UNEP FI Biodiversity & Ecosystem Services Work Stream (BESW) dar. Sie zielt darauf ab, den Verlust von Biodiversität in monetären Größen anzugeben und daraus in weiteren Etappen der Studie Schlussfolgerungen sowie Handlungsempfehlungen für verschiedene Akteursgruppen, wie Politik, Wirtschaft und Konsumenten,  zu formulieren. Aus den bisherigen Ergebnissen geht hervor, dass im Falle eines Business-as-usual Szenarios ein Wohlfahrtsverlust in Höhe von 7 % des weltweiten BIP zu erwarten ist. Die Kosten wären somit höher als diejenigen, die laut dem Stern-Report durch den Klimawandel zu erwarten sind.

Ein konkretes Beispiel zum Wert der Biodiviersität und Ökosystemdienstleistungen stellte Patrick Trötschler von der Bodensee-Stiftung in seinem Vortrag über den Wert der Honigbiene und ihrer Bestäubungsleistung dar. Der Wert der Mehrerträge durch die Bestäubungsleistung der Biene für die Landwirtschaft weltweit lässt sich auf etwa 153 Mrd. € pro Jahr beziffern, womit diese Insekten, laut Trötschler, zu den wichtigsten Nutztieren nach Rindern und Schweinen gezählt werden können.

Remco Fischer, Projektmanager der UNEP FI, hingegen erörterte die Arbeit der  Nature Value Intiative (NVI) im Bereich der Risikobewertung im Finanzsektor. Die Initiative erarbeitet in Kooperation mit  einem Unternehmenskonsortium aus dem Finanzsektor ein Instrument zur Bewertung der Investitionsrisiken und -chancen in Unternehmen, die durch ihre Geschäftstätigkeit von der Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen abhängen bzw. diese beeinflussen. Der Fokus richtet sich auf den Lebensmittel-, Getränke- und Tabaksektor (FBT). Das Projekt entwickelt unternehmensspezifische Analysen der Stärken und Schwächen bei der Berücksichtigung der Biodiversität im Finanzdienstleistungssektor und FBT-Unternehmen und fasst diese Ergebnisse in einem Ranking positiver und negativer Praktiken zusammen.

 

Chancen und Grenzen des Biodiversitätsschutzes zeigten die Beiträge des zweiten Themenfeldes auf.

Udo Censkowsky, Geschäftsführer der Organic Services GmbH, führte dem Tagungspublikum das Wachstumspotential der Märkte für Biodiversitätsprodukte vor Augen. Deutlich wurde, dass in allen Sektoren, sei es Land- oder Forstwirtschaft, Kosmetik oder Pharmaindustrie, Biodiversitätsprodukte an Bedeutung gewinnen. Nichtsdestotrotz weisen Zertifikate mit niedrigeren Standards größere Wachstumsraten auf und profitieren insbesondere bei großen Unternehmen von der geringeren Notwendigkeit betrieblicher Anpassungen; so auch im Fall der Rainforest Alliance im Gegensatz zu Bio-Siegeln. Das Wachstum von Biodiversitätmärkten wird in den Erzeugerländern jedoch nicht zuletzt durch Markteintrittsbarrieren, wie z.B. den EU-VO Health Claims, und fehlendes Kapital kleiner Unternehmen gehemmt.

 

Frau Dr. Frauke Fischer zufolge, Leiterin der AG Wildlife, Conservation & Management, Universität Würzburg und Geschäftsführerin der Agentur AUF!, liegen die Grenzen des Biodiversitätsschutzes oftmals in der mangelnden Umsetzung der Maßnahmen im Unternehmen. Um diesem Problem entgegenzutreten, empfiehlt Fischer, die defizitäre Kommunikation zwischen Wissenschaft und CSR-Verantwortlichen der Unternehmen zu stärken und zu professionalisieren. Um erfolgreich Biodiversitätsschutz in das CSR-Management zu integrieren, müssten langfristige Strategien mit klaren Zielen und belastbaren Zahlen entwickelt werden, die Biodiversitätsaspekte in das Kerngeschäft einbinden.

 

Der Fokus der Tagung richtete sich im dritten Themenfeld spezifischer auf die Biodiversitäts-Performance von Unternehmen.

Die Arbeit der Ratingagentur oekom research, vertreten durch Herrn Rolf D. Häßler, bestätigte Frau Fischers Erkenntnisse, dass systematische Strategien zum Schutz der Biodiversität in Unternehmen nur selten anzutreffen seien. Auch eine strukturierte Berichterstattung über Biodiversitätsaspekte fehlt vielerorts. Oekom researchs Beitrag zur defizitären Informationssituation im Themenbereich Biodiversität liegt in der Entwicklung des Industry Biodiversity Risk Indexes (IBRI). Anhand einer brachenspezifischen Risikobewertung und -beschreibung für verschiedene Risikoklassen und -kategorien wird ein branchenspezifischer Risikoindex berechnet, welcher als Basis für ein aktives Biodiversitätsmanagement genutzt werden soll.

Stefan Hörmann vom Global Nature Fund verwies des weiteren darauf, dass bei den meisten vereinzelten Unternehmensmaßnahmen zum Schutz der Biodiversität kritisch zu hinterfragen ist, ob es sich um „ehrliches Engagement“ oder Greenwashing handelt und inwiefern das Kerngeschäft des Unternehmens in die Schutzbemühungen integriert wird. Er konstatierte, dass nicht gesellschaftlicher und politischer Druck, sondern das Interesse von Unternehmen, ihre Geschäftsgrundlage zu sichern, ehrliches Biodiversitätsengagement hauptsächlich antreiben würde.Auch Irina Detlefsen, CSR Managerin der HypoVereinsbank, verdeutlichte mit einer Umfrage unter den Teilnehmern im Vorfeld der Tagung, dass Biodiversität im Vergleich zum Klimawandel nur wenig Relevanz beigemessen wird und allenfalls das Thema der Ressourcenverknappung im Fokus der Unternehmen steht.

 

Im letzten Themenblock der Veranstaltung richtete sich der Blick auf Bemühungen des Biodiversitätsschutzes im Finanzsektor.

Die Allianz AG, vertreten durch Jürgen Weichert, hat die Auswirkungen auf die Biodiversität durch Unternehmen vor allem dann im Blick, wenn sich ihre Versicherungsnehmer durch so genannte „gefährliche Tätigkeiten“ auszeichnen. In diesem Fall greift seit 2007 das Umweltschadensgesetz, dem zufolge Unternehmen auch dann haften müssen, wenn kein unmittelbarer Schuldnachweis bei Schäden an der Biodiversität vorliegt. So ist es für den Versicherer in jüngster Zeit besonders wichtig, eine Analyse des Biodiversitätsrisikos seines Kunden zu erstellen.

Öffentliche Finanzinstitute, wie die KfW-Tochter Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG, legen laut Frau Dr. Susanne Schloemer für die Projekte, die sie finanziell unterstützen, konkrete Kriterien und Maßnahmen zum Biodiversitätsschutz vertraglich mit ihren Kunden fest und überwachen und unterstützen ihre Einhaltung.

Die KfW Bankengruppe geht noch einen Schritt weiter. Sie strebt nicht nur an, Biodiversitätsschäden zu minimieren, sondern versucht unvermeidbare Schäden an der Biodiversität durch Ausgleichsmaßnahmen zu neutralisieren. Dazu stellte Daniel Skambracks das Business and Biodiversity Offsets Program (BBOP) vor, das einen konkreten Leitfaden zur Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen liefert.

 

Rege Diskussionen sowohl während des offiziellen Programms wie auch während der Pausen zeigten den hohen Informationsbedarf der Teilnehmer und die Notwendigkeit eines regen Austausches zum Thema Biodiversität und ihrer ökonomischen Bedeutung. Dabei standen konkrete Fragen zur Leistungsfähigkeit und Anwendbarkeit der vorgestellten Tools zur ökonomischen Bewertung der Biodiversität und der Performance von Unternehmen beim Biodiversitätsschutz im Vordergrund. Gleichzeitig wurde deutlich, wie viel Arbeit noch vor den Akteuren bei der (Weiter-)Entwicklung von benutzerfreundlichen Managementtools liegt, die dennoch die Komplexität des Gegenstandes Biodiversität widerspiegeln können. Die verschiedenen Initiativen, Ansätze und Konzepte in diesem Bereich verstärkt zu koordinieren und zu bündeln, war ein weiterer Ausblick am Ende des Konferenztages.

 
 
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