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Reisebericht zur Laguna de Fúquene

von Marion Hammerl - Präsidentin des GNF (August 2006)

 

"Nach Kolumbien - ist das nicht viel zu gefährlich?" fragten mich besorgte Kollegen und Freunde, als ich ihnen erzählte, wohin meine Reise dieses Mal geht. Bei Kolumbien denkt jeder an Nachrichten über Drogenbosse, Guerilla und Entführungen - und nicht etwa die enorme Artenvielfalt, die dieses Land aufweist. Kolumbien - so groß wie Frankreich, Spanien und Deutschland zusammen - bedeckt mit teilweise undurchdringlichem Urwald (mehr als 35 % der Landesfläche), Hochebenen auf bis zu 3.000 Meter Höhe, karibische und pazifische Küstenregionen und beeindruckende Flüsse wie der Rio Magdalena, der Orinoco oder etwa 2.000 km des Amazonas, entlang der Grenze zu Peru und Brasilien. Und natürlich die Laguna de Fúquene, repräsentiert im internationalen Seen-Netzwerk Living Lakes.

 

Bis in die Siebziger Jahre war die Laguna de Fúquene der grösste See in Kolumbien. Heute sind von den ehemals 10.000 Hektar nur noch etwa 3.000 Hektar See übrig - die flache Lagune wurde ausgetrocknet oder mit Land aufgefüllt, um Flächen für Landwirtschaft und Viehzucht zu gewinnen.

 

Laguna Fúquene aus der Ferne

 

Uferbereich

 

Mauricio Valderama, der Direktor des Living Lakes-Partnerorganisation Fudación Humedales, holt uns in Bogotá ab und bringt uns zur 80 km entfernten Laguna de Fúquene, gelegen auf einem "Paramo" in 2.800 Meter Höhe. Ein Tractomulas (Traktoren-Mulis) - so werden die schweren LKWs hier genannt - nach dem anderen machen die Fahrt beschwerlich und langwierig. Kaum mal eine Chance, eines dieser stinkenden Ungetüme zu überholen. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt erreichen wir schließlich die Lagune und das Hostal San Nicolás - eine schöne Hacienda, die heute als Hotel und Seminargebäude genutzt wird. Mauricio informiert mich über die aktuelle Situation in Fúquene: der Zufluss Ubaté wird kurz vor seiner Mündung in die Lagune reguliert. Ein Mindestvolumen an Wasser für die Lagune wurde bisher nicht akzeptiert; zu viel Wasser wird für die Bewässerung der Felder gebraucht. Dazu kommt die Austrocknung oder die natürliche Verlandung der Lagune, um weitere Flächen für die Viehzucht zu gewinnen.

 

Die Abwässer der umliegenden Gemeinden gehen ungeklärt in die Lagune. Gemeinsam mit dem Nährstoffeintrag aus der Viehzucht sind sie dafür verantwortlich, dass die Wasserpflanzen schnell wachsen und sich riesige Teppiche von Wasserhyazinthen ausbreiten, die dem Wasser Sauerstoff entnehmen und die freien Wasserflächen immer weiter verringern.

 

Die Laguna de Fúquene ist bisher nur vom IUCN als "Very Important Bird Area" ausgewiesen und hat keinen Schutzstatus. Die Bemühungen der Fundación Humedales, die Lagune als international anerkanntes RAMSAR Feuchtgebiet deklarieren zu lassen, wurden bis jetzt von der kolumbianischen Regierung nicht aufgegriffen. Gegen einen internationalen oder einen nationalen Schutzstatus bestehen große Vorbehalte bei der lokalen Bevölkerung und der Provinzbehörde. Zwar haben sich alle Verantwortlichen Umwelt- und Naturschutz auf die Fahnen geschrieben, aber man will keine "Behinderung der wirtschaftlichen Entwicklung". Jetzt steht die Ausweisung zur "Reserva Integral" zur Diskussion und die Fundación Humedales hofft darauf als erster Schritt in die richtige Richtung. Damit wäre eine Grundlage geschaffen, ein höheres Wasserniveau für die Lagune verbunden mit der Ausweitung der Wasserfläche zu verlangen.

 

Aber zur Zeit ist die Akzeptanz für Renaturierungen leider wieder gering. Nach den intensiven Regenfällen der letzten Regenzeit hatte sich die Lagune einen Teil ihrer alten Fläche zurückgeholt und Viehweiden und Felder überflutet. Mauricio und seine Kollegen German und Hairo hoffen nun auf den CONPES für Fúquene, ein Entwicklungsplan mit Richtlinienkompetenz und Budget zur Umsetzung von Programmen, erarbeitet von einer von der Regierung eingesetzten Kommission. Die Fundación Humedales wurde als Berater in das CONPES-Gremium berufen und hat nun die Möglichkeit, Vorschläge für eine nachhaltige Entwicklung der Region einzubringen.

 

Riedgebiet

 

Seidenreiher

 

Wiederaufforstung

 

Unter anderem geht es um die Entwicklung eines Ökotourismus, d.h. ein Tourismus, der sich auf das Naturerlebnis konzentriert. Hier hätte die Laguna de Fúquene viel zu bieten: über 200 Vogelarten und eine tolle Andenlandschaft. Dazu eine gute regionale Küche, vielfältiges Kunsthandwerk (Artesanías), geschichtsträchtige Städtchen und freundliche Menschen ..... alle Komponenten, um naturinteressierte Touristen zu einem mehrtägigen Aufenthalt zu motivieren.

 

In der Provinzhauptstadt Ubaté war ich zu einer Konferenz über die Potentiale des Ökotourismus in der Provinz eingeladen. Es ging um Definitionen und Kriterien, um Qualität und darum, wie die lokale Bevölkerung und insbesondere Landwirte, Fischer und Kunsthandwerker in die touristischen Angebote integriert werden und davon profitieren können.

 

Kolumbien hat inzwischen seine Potentiale als Ökotourismusland erkannt. Seit 2004 gibt es eine "Politica Nacional del Ecoturismo" und Qualitätskriterien sind gerade in der Erarbeitung. 17 % der kleinen und mittleren touristischen Unternehmen bieten "Ecoturismo" an - bisher überwiegend für den regionalen oder nationalen Markt. Internationale Touristen machen derzeit nur 16 % der Kunden aus.

 

Nach einer erfrischenden Bootstour auf der Lagune, einem Besuch des Städtchens Cucunuba und dem Genuss von hervorragenden typischen Gerichten wie Ajiaco – ein kräftiger Eintopf mit pápas (heimische Kartoffeln) und Huhn - kann ich die Einschätzung der Fundación Humedales nur unterstützen: die Laguna de Fúquene hat gute Möglichkeiten, ein anerkanntes und bekanntes Ökotourismusziel zu werden - wenn es der Region gelingt, die Lagune zu schützen und die Wasserqualität wieder zu verbessern. Und wenn sich die verschiedenen Interessengruppen auf ein gemeinsames Ziel mit konkreten Vorgaben und Qualitätskriterien einigen und diese dann auch konsequent umsetzen.

 

Die Fundación Humedales wird in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen - als Vermittler und Moderator für die Fischer und Artesanos, als Experten für Seen und Feuchtgebiete und mit touristischen Angeboten wie dem neu eröffneten Informationszentrum direkt an der Lagune. Dieses Infozentrum wurde mit der Unterstützung des Humboldt-Instituts und des Global Nature Fund eingerichtet. Die dazu gehörenden Flächen wurden mit heimischem Auenwald aufgeforstet. Im Infozentrum finden Weiterbildungskurse für Fischer und andere Gruppen statt. Touristen können sich hier informieren und zukünftig auch Exkursionen buchen. Ausserdem wird an einem Programm für Schulklassen aus Bogota gefeilt.

 

Um die Situation der Lagune zu verbessern, koordiniert die Fundación seit einem Jahr ein sogenanntes "Conversatorio" - ein Prozess, in dem die verschiedenen lokalen Gruppen ihre Interessen und Rechte formulieren können. Dazu erhalten Fischer und Artesanos von Sandra und Liliana - zwei Biologinnen der Fundación - das nötige Hintergrundwissen über den Zustand der Lagune und die Auswirkungen auf ihre Lebensumstände, die Gesetze und Verantwortlichkeiten und die Möglichkeiten, die Situation positiv zu verändern. Die verantwortlichen Behörden sind verpflichtet, die in einem Conversatorio formulierten Forderungen zu prüfen und einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss zu finden, der dann verbindlich umgesetzt werden muss. Sandra und Liliana haben sogar eine Lehrerin vom Theater engagiert, die den Fischern hilft, das Sprechen vor Publikum zu lernen. "In einem  Jahr sind sie viel selbstbewusster geworden und nehmen es nicht mehr einfach so hin, dass ihre Lebensgrundlage zerstört wird", freut sich Sandra. Bisher gehören die Fischer zu den Ärmsten in der Region.

 

Informationszentrum

 

Eröffnung des Zentrums

 

Im Gespräch mit Fischern

 

Auch sie hoffen auf den Ökotourismus und das Angebot von Bootstouren als eine zusätzliche Einnahmequelle. Für den zukünftigen Tourismusmanager wird gerade gesorgt: Dank der Unterstützung der Fundación Humedales kann Leonel, der Sohn eines Fischers auf die weiterführende Schule gehen, um die Mittlere Reife zu erhalten. Einen konkreten Berufswunsch hat Leonel noch nicht, aber er möchte auf jeden Fall viel mit Pflanzen und Tieren zu tun haben und dazu beitragen, dass die Laguna de Fúquene geschützt wird.

 
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