„Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien" (Oskar Wilde) – Der Fall Viktoriasee
Vor den 1960er Jahren schien dieser nach Queen Victoria benannte See, der Viktoriasee, noch in Ordnung. Er zeichnete sich durch sein mannigfaltiges Habitatangebot aus, in welchem zahlreiche Fischarten nebeneinander, komplementär existieren können. Im Verlauf der dann folgenden dreißig Jahre werden die Folgen menschlicher Eingriffe immer deutlicher. Was einst die Heimat von über 300 Buntbarscharten und ein faunenreiches Eldorado, ist heute ein erschreckendes Beispiel für ein extrem verändertes Ökosystem.
Ursachen und Folgen
Wie kommt es zu einer plötzlichen Faunenverfälschung und einer so drastischen Entwicklung?
In der wissenschaftlichen Literatur begegnet man einer Reihe von Gründen für den Rückgang von endemischen Fischarten wie den Cichliden. Ein wesentlicher Grund war die Einführung von Raubfischarten wie dem Nilbarsch, Lates niloticus, (afrikanisch: „sabulenya") in den Viktoriasee zum Ende der 60er Jahre. Die schnell wachsenden, bis zu 2 Meter langen und 70 kg schweren Nilbarsche sollten wirtschaftliche Vorteile bringen sowie zur Versorgung der Bevölkerung am Viktoriasee aber auch den umliegenden Gewässern beitragen.
Überfischung des Sees, nicht zuletzt durch moderne Fischtechniken (Bsp.: Kunstfasernetze, Verwendung von Booten mit Außenbordmotoren) ging hiermit einher. Innerhalb von zehn Jahren wuchs der Anteil dieses Fisches auf über 50 % des gesamten Fangs (Quelle: Abila, 2003). Im Jahr 2001 wurde von den fast 18.000 Kubiktonnen Fisch ca. 20 % nach Europa exportiert.
Actio gleich Reactio
Am Beispiel Viktoriasee wird die Kettenreaktion deutlich: Eine zunächst gering erscheinende Veränderung des natürlichen Kreislaufs löste vehemente Folgen aus.
Eine direkte Folge der Einführung der exotischen Fischart war der Anstieg von Nährstoffen (Stickstoff und Phosphat) im See. Diese werden von Plankton wie Blaugrünalgen freigesetzt, welches als Nahrungsgrundlage von Cichliden galt. Durch verminderte Konsumierung des Planktons und der dadurch forcierte Anstieg an Nährstoffen kommt es zu einer massiven Ausbreitung der Pflanze, deren Fläche sich alle 14 Tagen verdoppelt.
Auch die Etablierung von Industriestandorten, sowie die hiermit einhergehende veränderte Landnutzung trugen zu erhöhten Nährstoffgehalten und somit zur Verschlechterung der Wasserqualität bei. Aus dem mesotrophen (Trophiestufe mit mittlerer Sauerstoffsättigung) entstand ein eutrophes (sauerstoffarmes) Milieu (Quelle: Hecky, 1993), in dem sich die Wasserhyazinthe heimisch fühlt (siehe: Wasserhyazinthe). Aufgrund dieses sauerstoffarmen Milieus kann im Viktoriasee bei einer Wassertiefe unterhalb von ca. 30 m kein Fisch mehr existieren (Quelle: Rabi, 1996).
Eine weitere Konsequenz der Einführung des Nilbarschs ist der zunehmende Verbrauch an Holz für die Trocknung bzw. Räucherung des Fisches, was bei anderen Fischarten bisher mittels Sonneneinwirkung möglich war. Hinzu kommt die zunehmende Nachfrage nach Brennholz der wachsenden Bevölkerung. Abholzung wiederum wirkt sich auf den Boden auf verschiedene Weise aus: Es kommt zur Degradation des Bodens und zur Erosion des nunmehr ungeschützten Bodensubstrats. Die Folgen sind Verschlammung und somit zunehmende Wassertrübung.
Koexistierende Fischarten
Neben dem Nilbarsch können insbesondere zwei Fischarten existieren: Hierzu zählen
a) die endemische Victoriasardine (Rastrineobola argentea; "dagaa", „omena" oder „mukene"), die ca. 30 % des exportierten Fischangebots ausmacht (Quelle: Abila, 2003) und
b) der eingeführte Buntbarsch (Tilapia oder „ngege"), Oreochromis niloticus.
Der Grund für ihr „Überleben" ist, dass sie in verschiedenen ökologischen Nischen existieren und somit keine Konkurrenz innerhalb der Nahrungskette darstellen.